7 Fragen an Raphael Fellmer

Wir stellen regelmäßig bekannten Veganerinnen und Veganern 7 Fragen zum veganen Lifestyle – Heute: Raphael Fellmer, Autor von „Glücklich ohne Geld!“:


Seit 2010 lebt Raphael bereits im Geldstreik, um mehr Bewusstsein für die Verantwortung zu schaffen, die wir alle für Hunger, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung tragen. Zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt er seinen Traum von einer Welt ohne Geld und bringt sich unentgeltlich durch Vorträge, Medienauftritte und sein Engagement bei foodsharing für eine bessere Welt ein. Neben alltagstauglichen Tipps für ein bewussteres Konsumverhalten erfahrt Ihr im Interview wie alles begann, warum er vegan wurde und wie seine Pläne für die Zukunft aussehen:

InterviewRaphael

Veganucci: Lieber Raphael, vor ein paar Jahren hast Du auf einer Weltreise den Entschluss gefasst, Dein weiteres Leben ohne Geld zu gestalten und Dich vegan zu ernähren. Wie kam es genau dazu?
Raphael Fellmer: Die geldfreie Reise im Jahr 2010-2011 von Holland nach Mexiko per Anhalter und ohne Geld war ursprünglich ein Experiment. Auf der Atlantiküberquerung mit einem Segelboot habe ich mich dann aber entschlossen auch nach der Reise weiterhin geldfrei zu leben. Mit dem Geldstreik setze ich mich für mehr Bewusstsein für die Verantwortung, die wir alle für Hunger, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung tragen, ein. Gleichzeitig versuche ich mit meiner Frau Nieves und unseren zwei Kindern durch unseren Konsumstreik Aufmerksamkeit auf Lösungen für ein nachhaltigeres Leben im urbanen Raum zu schaffen. Dazu gehört natürlich auch unsere pflanzliche Ernährung, zu der ich mich nach Jahren des Vegetarierseins am 01.11.2010, dem internationalen Vegan-Tag, entschloss. Schon lange hatte ich mit meinen Idealen und meiner Ernährung gehadert, weil wie auch in anderen Bereichen des Lebens, meine Vorstellungen und Wünsche für den Umgang mit den Tieren, der Umwelt und den Menschen nicht mit meiner Ernährung übereinstimmten. Dabei ist es gerade beim Essen so einfach, durch eine mehrheitlich vegane, biologische und überwiegend regional und saisonale Ernährung ganz einfach einen unglaublich großen Schritt hin zu mehr ganzheitlichem, ökologischen und rücksichtsvollen Leben zu gehen.

Veganucci: Du hast bereits ein Buch geschrieben, das man auf Deiner Webseite www.raphaelfellmer.de kostenlos downloaden kann. „Glücklich ohne Geld!“ ist ein faszinierender und spannender Reisebericht, in dem Du von den Abenteuern auf Deiner Weltreise ohne Geld erzählst. Was ist das Wichtigste, das Du auf Deinen Reisen gelernt hast?
Raphael Fellmer: Das Buch “Glücklich ohne Geld!” wurde 60.000 mal heruntergeladen sowie tausende Male als gedrucktes Buch verkauft und verschenkt und ja, ein ganz zentraler Teil nimmt natürlich auch die Reise ein, auf der ich mich ja entschloss, geldfrei zu leben. Das Wichtigste was ich für mich auf den Reisen gelernt habe, ist das Geschenk des Lebens noch viel mehr anzunehmen, wertzuschätzen und dankbar für alles zu sein, was wir oft als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Dazu gehört für mich gesund zu sein, Freunde und Familie zu haben die einen unterstützen, lieben und die ich lieben darf! Außerdem habe ich gelernt wie schön es ist, bedingungslos geben und nehmen zu dürfen, wie wohltuend es für das menschliche Miteinander ist, erwartungsfrei unseren Mitmenschen zu helfen und sich helfen zu lassen. Ich habe erfahren dürfen, wie unglaublich schön es ist, frei von konditioniertem Verhalten und Anschauungen das Gute in unseren Mitmenschen zu suchen und zu sehen. Letztendlich wurde mir bewusst, dass in jedem von uns ein Traum schlummert, ein Traum von einer friedlichen und harmonischen Welt und dass jeder Mensch ganz besondere Gaben hat, die Aufgaben in Form von einer Berufung sind, die es zu entdecken gilt.

 

 

Foto: Stephanie Geiger

Foto: Stephanie Geiger

 

 

Veganucci: Deinen Konsumstreik lebst Du mit Deiner Familie momentan in Berlin aus, suchst aber gerade ein neues Zuhause. Wie ist da der aktuelle Stand?
Raphael Fellmer: Wir haben jetzt bis wir im Sommer nach Südeuropa ziehen werden, um das Ökodorfprojekt “Eotopia” aufzubauen, eine Übergangswohnung für uns als Familie in Berlin gefunden.

 

Raphael Fellmer mit seiner Frau Nieves und seinen Kindern Alma und Noam

 

Veganucci: Manchmal kann es sehr anstrengend sein, gegen den Strom zu schwimmen. Gab es Momente, in denen Du Dich überfordert oder unmotiviert gefühlt hast und alles „hinschmeißen“ wolltest?
Raphael Fellmer: Also gerade zu Anfang diesen Jahres, wo wir nach monatelangem Suchen nach einer Wohnung ein wenig verzweifelt waren, weil wir keine passende Bleibe für uns gefunden hatten, wollte ich eine Crowdfunding Kampagne “bedingunglosen Lebensraum für bedingungsloses Wirken” nach fünf Jahren Geldstreik machen. Dann hat sich aber durch eine Vielzahl von schicksalhaften Ereignissen unser Traum von unserem Ökodorf in den Vordergrund geschoben. Aus einem schwierigen Moment wurde letztenendes unsere Entscheidung geboren, endlich den Schritt in den Süden zu machen. Manchmal gibt es schwierige Zeiten im Leben, die sich aber im Nachhinein als sehr klärend und hilfreich für das Leben herausstellen. Auch wenn ich eines Tages wieder Geld benutzen würde, wäre das für mich kein “Hinschmeißen” oder Aufgeben, denn alle Erfahrungen und alles was ich in den Jahren machen durfte, ist ein Geschenk und hat mich unglaublich wachsen lassen. Ich denke es ist wichtig im Leben flexibel zu sein, sich nicht selbst zu blockieren oder zu verkrampfen und Probleme als Chancen zu nutzen.

Veganucci: Dein größtes Engagement gilt foodsharing und dessen Freiwilligenprogramm „Lebensmittelretten“, das Du vor 2,5 Jahren ins Leben gerufen hast. Lebensmittelverschwendung gehört in unserer Gesellschaft leider zum Alltag – wie können sich Interessierte hier engagieren?
Raphael Fellmer: Gerade die Lebensmittelverschwendung von rund 50% weltweit spiegelt die dekadente Überfluss- und Wegwerfgesellschaft, in der wir leben. Nachdem ich zunächst containern war, wollte ich etwas Effektiveres gegen die Verschwendung aufbauen, um es möglichst vielen Menschen zu ermöglichen, sich für mehr Achtsamkeit und Wertschätzung gegenüber den Lebensmitteln einsetzen zu können. Mittlerweile ist meine Initiative der LebensmittelretterInnen vollkommen in foodsharing aufgegangen und ist für über 95% der geretteten Lebensmittel bei foodsharing verantwortlich.

Bis auf eine Minijobstelle der Geschäftsführerin lebt foodsharing vollkommen durch Ehrenamt. Wie auch die Programmierenden, Designer, Organisatoren und alle anderen Tätigkeiten bei foodsharing, engagieren sich auch die so genannten “Foodsaver”, die die Lebensmittel bei Betrieben abholen, unentgeltlich. Über 4.000 Foodsaver haben seit 2012 bereits mehr als 1 Mio Kilogramm Lebensmittel vor der Vernichtung bewahrt. Alle Menschen die sich bei foodsharing engagieren wollen sind herzlich eingeladen. Wir sind im deutschsprachigen Raum in rund 100 Städten aktiv und holen bei ca. 1300 Betrieben unverkäufliche, aber noch genießbare Lebensmittel ab, die dann von den Foodsavern selbst konsumiert bzw. verschenkt werden. Außerdem kann auch die Verantwortung für einen Betrieb übernommen werden bzw. für diejenigen, die noch motivierter sind, gibt es die Rolle der BotschafterInnen für eine Region/Stadt oder Bezirk.

Veganucci: Welche Alltags-Tipps hast Du für Menschen, die ihr Leben vielleicht nicht gleich auf den Kopf stellen möchten, aber gerne nachhaltiger und bewusster im Hinblick auf Konsum und Verschwendung leben möchten?
Raphael Fellmer: Dank Dir für die schöne Frage, also ich bin davon überzeugt, dass jede kleine Veränderung zu einem großen Wandel der Gesellschaft beiträgt. Anfangen können wir alle indem wir unseren Konsum reflektieren und uns Fragen stellen wie: Brauch ich wirklich eine weitere Hose? Ein Neues Handy? Kann ich vielleicht lieber Zug oder Bus fahren, anstatt zu fliegen und sind lokalere Urlaube in und um Europa nicht mindestens genauso schön, anstatt immer gleich um den halben Globus zu jetten?

Eine pflanzliche Ernähung mit möglichst hohem Bio-Anteil aus regionalen und saisonalen Lebensmitteln – im Idealfall von einem solidarischen Landwirtschaftsprojekt bezogen – sind eine effektive Methode, um möglichst wenig Treibhausgase zu verursachen. Aber auch der Wechsel zu einem Ökostromanbieter und einem Ökobankkonto hilft. Als Grundlage kann Mann und Frau sich merken: Alles was nicht konsumiert wird, sondern repariert, länger genutzt, getauscht und geteilt wird, erspart Unmengen an Energie und Wasser und ist die leichteste Art und Weise etwas gegen Überfluss und Verschwendung zu tun. Das Schöne ist, dass es dafür nicht mal Geld braucht, sondern Spaß macht und es sich einfach gut anfühlt, Dinge, die zuhause nur rumliegen, zu verschenken. Teilen macht Freude und schafft Freundschaften.

Veganucci: Dein Traum ist es, mit Deiner Familie in einem veganen, geldfreien Ökodorf im Süden Europas zu leben. Wie ist der aktuelle Stand dieses spannenden Projektes?
Raphael Fellmer: Richtig, unser Traum heißt “Eotopia” und soll ein Ort für max. 150 Menschen werden, die sich gegenseitig unterstützen und mit ihren Fähigkeiten und Begabungen für ein harmonisches und nachhaltiges Leben im Einklang mit der Natur einsetzen. Ziel ist es, sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen eine schulfreie Atmosphäre zu schaffen, in der die Menschen sich frei entfalten können. Wir wollen uns möglichst eigenständig mit Energie, Wasser und Lebensmittel versorgen und so wenig Geld wie möglich benutzen. Ziel ist es, gelebte Nachhaltigkeit gepaart mit der Kultur des bedinungslosen Teilens auf dem Land durch Workshops, Seminare und das Leben in Eotopia im Allgemeinen erlebbar und nachahmbar zu machen. Dazu gehört für uns natürlich auch eine vegane Ernährung.

In Italien, Frankreich und Spanien, wo der ideale Ort für Eotopia bereits exisitert, wir ihn nur noch nicht gefunden haben, hatten wir schon eine Vielzahl von Angeboten von Grundstücken mit und ohne Häuser bekommen. Leider war noch nichts dabei wo alles gepasst hat. Im Sommer diesen Jahres werden wir nach Frankreich oder Spanien ziehen, um dort mit einer anderen Gründerfamilie von Eotopia zusammen zu leben. Derzeit sind wir auf der Suche nach einem geeigneten Übergansort, wie etwa einem Haus welches leer steht, wo wir Housesitting machen können oder gleich ein geeignetes Stück Land für Eotopia, wo im Idealfall zumindest ein Gebäude bewohnbar ist. Der passende Ort kann ein verlassenes Dorf sein, ein alter Bauernhof oder eine verlassene Finca.

Bis dato haben wir vier größere Eotopia Treffen in Deutschland, Frankreich und Spanien veranstaltet und werden auch diesen Sommer wieder ein Zusammenkommen organisieren. Bei dem Treffen kommen Menschen von der rund 20-köpfigen Kerngruppe mit einigen Dutzend der mittlerweile rund 800 Interessierten zusammen, lernen sich kennen, träumen und kochen zusammen.

Für alle, die sich interessieren bei Eotopia mit dabei zu sein, freuen wir uns über Besuch auf www.eotopia.org wo sich für den Newsletter eingetragen werden kann. Für Tipps oder Vorschläge für einen Ort, gerne per eMail an mail@raphaelfellmer.de.  

Lieber Raphael, vielen Dank für das Interview und ganz viel Erfolg für Euer Eotopia-Projekt!!!

Im März 2015
Copyright Fotos/Fotografen: Foto1: Patrick Lipke / Foto2: Stephanie Geiger / Foto3: raphaelfellmer.de

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